Realismus
Merleau-Ponty vertritt keinen naiven, aber einen phänomenologischen Realismus. Die Welt ist nicht Produkt des Bewusstseins, sondern immer schon da als Widerstand, Struktur und Sinnfeld. Zugleich ist sie nur in der leiblichen Erfahrung zugänglich. Realität ist daher weder bloß objektiv gegeben noch subjektiv konstruiert, sondern relational: Sie zeigt sich im Vollzug der Wahrnehmung. Wahrnehmung enthüllt die Welt selbst, nicht Repräsentationen von ihr. Der Realismus Merleau-Pontys ist ein Realismus der Erscheinung: Die Welt ist wirklich, aber sie existiert nur als wahrnehmbare, situierte, perspektivische Welt. Objektivität ist abgeleitet, nicht ursprünglich.
Prozess
Für Merleau-Ponty ist das Sein grundsätzlich prozessual. Wahrnehmung, Bedeutung und Welt sind nie abgeschlossen, sondern entstehen fortlaufend im leiblichen Vollzug. Es gibt kein fertiges Subjekt und keine fertige Welt, sondern ein ständiges Sich-Herausbilden beider in Wechselwirkung. Identität ist ein sedimentierter Prozess, Stabilität ist geronnene Bewegung. Besonders in seinem Spätwerk wird das Sein als dynamisches Geflecht („Fleisch der Welt“) gedacht, in dem Trennungen nur temporär und funktional sind.
Ontologisch primär ist nicht Substanz, sondern Werden, Übergang und Verschränkung. Realität ist ein offener Prozess der Sinnbildung.
Sprache
Sprache ist für Merleau-Ponty kein bloßes Zeichensystem zur Beschreibung einer bereits fertigen Welt. Sie ist selbst ein leiblicher, schöpferischer Akt, in dem Bedeutung erst entsteht. Sprechen bringt Sinn hervor, statt ihn nur zu transportieren. Die lebendige Sprache ist ein Ereignis, in dem Denken, Körper und Welt sich verschränken. Begriffe sind sedimentierte Sprachakte, nicht letzte Wahrheiten. Sprache bleibt immer offen, mehrdeutig und situationsgebunden. Ontologisch gesehen gehört Sprache zur Wirklichkeit selbst: Sie ist eine Weise, wie Welt sich artikuliert und sichtbar wird, nicht ein externes Medium über ihr.
Merleau-Ponty, M. (1945). Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin, de Gruyter.
Merleau-Ponty, M. (1948). The World of Perception. New York, Routledge.
Merleau-Ponty, M. (1956). Nature – Course Notes from the Collège de France. Evanston, Illinois,
Northwestern University Press – 1995.
Merleau-Ponty, M. (1968). The Visible and the Invisible. Evanston, Northwestern University Press.
Insofern ich einen Leib habe und durch ihn hindurch in der Welt handle, sind Raum und Zeit für mich nicht Summen aneinandergereihter Punkte, noch auch übrigens eine Unendlichkeit von Beziehungen, deren Synthese mein Bewsstsein vollzöge, meinen Leib in sie einbeziehend; ich bin nicht im Raum und in der Zeit, ich denke nicht Raum und Zeit; ich bin vielmehr zum Raum und zur Zeit, mein Leib heftet sich ihnen an und umfängt sie.
Merleau-Ponty, M. (1945). Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin, de Gruyter. (S.170)
Merleau-Ponty beschreibt Raum und Zeit nicht als vorgegebene Bühnen, sondern als leiblich hervorgebrachte Vollzüge. Spiel erscheint hier nicht als Handlung im Raum, sondern als ein Geschehen, in dem Raum, Zeit und Sinn überhaupt erst entstehen.
Here, for the first time, we come across the idea that rather than a mind and a body, man is a mind with a body, a being who can only get to the truth of things because its body is, as it were, embedded in those things.
Merleau-Ponty, M. (1948). The World of Perception (Routledge Classics) (p. 43).
Merleau-Ponty versteht Wahrheit nicht als geistige Abbildung einer äußeren Welt, sondern als leiblich eingebetteten Vollzug. Spiel erscheint hier als eine Weise, in der Welt und Sinn nicht getrennt sind, sondern sich im Tun gegenseitig hervorbringen.
The flesh is not matter, is not mind, is not substance. To designate it, we should need the old term “element,” in the sense it was used to speak of water, air, earth, and fire, that is, in the sense of a general thing, midway between the spatio-temporal individual and the idea, a sort of incarnate principle that brings a style of being wherever there is a fragment of being. The flesh is in this sense an “element” of Being. Not a fact or a sum of facts, and yet adherent to location and to the now. Much more: the inauguration of the where and the when, the possibility and exigency for the fact; in a word: facticity, what makes the fact be a fact.
Merleau-Ponty, M. (1968). The Visible and the Invisible. Evanston, Northwestern University Press. (p.139)
Ein jedes Ding erscheint uns in einem Medium dessen Färbung die der Grundqualität des Dinges ist; dieses Holzstück hier ist weder eine Ansammlung von Farben und Tastdaten, noch selbst deren Ganzheitsgestalt, sondern es strahlt gleichsam eine holzige Essenz von ihm aus, die „Sinnesdaten“ modulieren ein gewisses Thema und illustrieren einen bestimmten Stil, der dieses Stückchen hier und meine Wahrnehmung von ihm mit einem Sinnhorizont umgibt, in Wahrheit aber das Holz selber ist.
Merleau-Ponty, M. (1945). Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin, de Gruyter. (S.511)
