Komplexität
Für Prigogine ist Komplexität kein Randphänomen, sondern ein grundlegendes Merkmal realer physikalischer Systeme. Komplexe Systeme sind offene Systeme fern vom thermodynamischen Gleichgewicht, die durch kontinuierlichen Energie- und Materieaustausch mit ihrer Umwelt stabil bleiben. Entscheidend ist: Ordnung entsteht hier nicht *trotz*, sondern *durch* irreversible Prozesse. Im Gegensatz zur klassischen Physik, die Ordnung mit Gleichgewicht identifiziert, zeigt Prigogine, dass Nichtlinearität, Fluktuationen und Instabilitäten produktiv sind. Komplexität bedeutet daher nicht bloß Vielheit von Elementen, sondern die Fähigkeit eines Systems, neue Strukturen, Zeitskalen und Organisationsformen hervorzubringen. Zeit wird dabei irreversibel und kreativ: Die Zukunft ist nicht vollständig aus der Vergangenheit ableitbar.
Bifurkation
Bifurkationen markieren bei Prigogine kritische Punkte in der Dynamik eines Systems fern vom Gleichgewicht. An solchen Punkten verliert das System seine bisherige Stabilität und kann in mehrere mögliche Entwicklungsrichtungen übergehen. Welche Richtung eingeschlagen wird, ist nicht deterministisch festgelegt, sondern hängt von Fluktuationen ab, die zuvor vernachlässigbar waren. Bifurkationen machen sichtbar, dass Naturprozesse reale Alternativen enthalten. Sie sind Orte physikalischer Kontingenz: Geschichte wird wirksam. Damit widerspricht Prigogine einem strikt kausal-deterministischen Weltbild. Die Zukunft ist offen, nicht weil Wissen fehlt, sondern weil die Dynamik selbst Wahlmöglichkeiten erzeugt. Bifurkationen sind somit Scharniere, an denen Neues real entsteht.
Entstehung von Regeln
Regeln sind für Prigogine keine vorgegebenen, zeitlosen Gesetze, sondern emergente Stabilitäten innerhalb dynamischer Prozesse. In komplexen, offenen Systemen bilden sich durch wiederholte Wechselwirkungen und Rückkopplungen neue Ordnungsprinzipien aus, die das weitere Verhalten des Systems strukturieren. Diese Regeln entstehen historisch: Sie sind Resultate eines Werdens, nicht dessen Voraussetzung. Physikalische Gesetze behalten ihre Gültigkeit, aber sie reichen nicht aus, um die konkrete Organisation komplexer Systeme zu erklären. Die entstehenden Regeln sind kontextabhängig, lokal stabil und grundsätzlich revidierbar. Ordnung ist daher nicht fixiert, sondern ein zeitlich gewordener Zustand, eine momentane Lösung in einem fortlaufenden Prozess.
Prigogine, I. and I. Stengers (1984). Order Out Of Chaos. London, Verso
The fact that under such conditions of food shortage any given amoeba can be the first to emit cyclic AMP and thus become an attractor center corresponds to the random behavior of fluctuations. This fluctuation is then amplified and organizes the medium.
Prigogine, I. and I. Stengers (1984). Order Out Of Chaos. London, Verso.
(p. 160)
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Prigogine zeigt hier ein konkretes Mechanismus-Bild: eine zufällige Abweichung (Fluktuation) wird in einem instabilen, fern-vom-Gleichgewicht liegenden System verstärkt und legt so lokale Ordnung (ein „Attraktor-Zentrum“) fest, aus dem Chaos entsteht eine geordnete Struktur.
The interaction of a system with the outside world, its embedding in nonequilibrium conditions, may become in this way the starting point for the formation of new dynamic states of matter—dissipative structures.
Prigogine, I. and I. Stengers (1984). Order Out Of Chaos. London, Verso.
(p. 143)
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Regeln und stabile Abläufe sind nicht (nur) Folge von Gleichgewichts-Gesetzen, sondern können gerade durch ständige Energie-/Materie-Flüsse entstehen — das System „ordnet“ sich durch Dissipation zu neuen, selbsterhaltenden Zuständen.
„Order through fluctuations” models introduce an unstable world where small causes can have large effects, but this world is not arbitrary. On the contrary, the reasons for the amplification of a small event are a legitimate matter for rational inquiry.
Prigogine, I. and I. Stengers (1984). Order Out Of Chaos. London, Verso.
(p. 206)
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Prigogine betont hier, dass Selbstorganisation zwar empfindlich auf Zufälligkeiten reagiert (small causes → large effects), dass aber die Entstehung dieser Verstärkung selbst erklärbar und untersuchbar ist — es entstehen also neue funktionale „Regeln“, die nicht willkürlich sind.
