Giordano Bruno

 

Pantheismus
Bruno lehnte die Vorstellung eines Gottes ab, der getrennt von seiner Schöpfung im Himmel thront. Für ihn ist Gott immanent, das heißt: Gott ist in allem. Die Natur und das Göttliche sind eins. 

Unendlichkeit
Während das Weltbild seiner Zeit starr und begrenzt war (mit der Erde oder der Sonne im Zentrum), sprengte Bruno diese Grenzen. Er postulierte ein unendliches Universum ohne Mittelpunkt. Er glaubte, dass es unzählige Welten und Sonnen gibt, die alle von Lebewesen bevölkert sein könnten.

Monadenlehre
Bruno sah das Universum als ein Zusammenspiel von Kleinstbeilchen, den Monaden. Eine Monade ist sowohl eine physische Einheit (ähnlich einem Atom) als auch eine geistige Spiegelung des Ganzen. In jedem kleinsten Teil spiegelt sich für ihn die gesamte Unendlichkeit des Kosmos wider. Diese Vorstellung wurd von Leibniz aufgegriffen.

Immanenz

Aus der Perspektive vo Giordano Bruno gibt es keinen von der Welt getrennten Ursprung, keine transzendente Instanz, die Ordnung von außen stiftet. Natur ist nicht geschaffen, um etwas anderes zu repräsentieren, sondern wirkt aus sich selbst heraus. Ursache, Kraft und Form sind ihr immanent. Alles Seiende trägt das Prinzip seiner Bewegung in sich; nichts verweist auf einen letzten Grund jenseits der Welt. Erkenntnis bedeutet daher nicht, hinter die Erscheinungen zu blicken, sondern ihre innere Dynamik zu verstehen. Die Welt ist nicht ein Werk, das abgeschlossen vorliegt, sondern ein fortwährender Vollzug. Wer sie denken will, muss sich in ihre Prozesse hineinbegeben, statt über ihnen zu stehen. Wahrheit entsteht im Mitvollzug der Natur, nicht in der Distanz zu ihr.

 

Produktive Vielheit

Die Wirklichkeit erscheint Bruno nicht als hierarchisch geordnetes Ganzes, sondern als unendliche Mannigfaltigkeit von Formen, Kräften und Zentren. Jedes Einzelne ist Ausdruck derselben Natur, ohne je auf eine zentrale Ordnung oder privilegierte Perspektive reduziert zu werden. Diese Vielheit ist nicht Mangel, sondern Quelle von Produktivität: Differenz, Abweichung und Wandel sind Bedingungen des Seins. Einheit existiert nicht als homogenes Einssein, sondern als lebendige Kohärenz divergierender Erscheinungen. Erkenntnis ist entsprechend perspektivisch – jede Sichtweise eröffnet etwas Reales, ohne Anspruch auf Totalität. Wirklichkeit entfaltet sich durch Variation, nicht durch Wiederholung eines identischen Musters. Das Viele ist nicht zu überwinden, sondern zu bejahen.

Unendlichkeit

Unendlichkeit bedeutet für Bruno nicht bloße Maßlosigkeit, sondern die Abwesenheit einer letzten Grenze, die das Seiende abschließt. Der Kosmos hat kein Zentrum und keinen Rand; überall ist Mitte, überall Möglichkeit. Diese Unendlichkeit ist qualitativ: Sie erlaubt unendlich viele Formen, Bewegungen und Ordnungen, ohne sie auf ein finales Ziel auszurichten. Natur erschöpft sich nie in ihren aktuellen Gestalten, sondern bleibt stets offen für neue Aktualisierungen. Damit verliert das Denken den Anspruch auf endgültige Übersicht. Wissen wird vorläufig, tastend, experimentell. Die Unendlichkeit der Welt fordert ein Denken, das sich selbst als endlich begreift – und gerade darin beweglich bleibt.

Bruno, G. (1584). Über das Unendliche, das Universum und die Welten. Ditzingen, Reclam – 1994.
Bruno, G. (1584). Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen. Chicago, Musaicum Books – 2017.

Wir nennen sie den inneren Künstler, weil sie die Materie formt und von innen heraus gestaltet, wie sie aus dem Innern des Samens oder der Wurzel den Stamm hervorlockt und entwickelt, aus dem Innern des Stammes die Aeste treibt, aus dem Innern der Aeste die Zweige gestaltet, aus dem Innern dieser die Knospen bildet, von innen heraus wie aus einem innern Leben die Blätter, Blüthen, Früchte formt, gestaltet und verflicht, und von innen wieder zu bestimmten Zeiten die Säfte aus Laub und Früchte in die Zweige, aus den Zweigen in die Aeste, aus den Aesten in den Stamm, aus dem Stamm in die Wurzel zurückleitet. Und ebenso bei den Thieren. Da entfaltet sie ihr Werk aus dem ursprünglichen Samen und aus dem Centrum des Herzens bis in die äusseren Gliedmaassen, und indem sie die entfalteten Vermögen zuletzt wieder aus diesen nach dem Herzen zu sammelt, wirkt sie gerade, als wäre sie schon dahin gelangt, die aufgespannten Fäden wieder aufzuwickeln. Wenn wir nun glauben, dass das tote Gebilde nicht ohne Einsicht und Vernunft hervorgebracht wird, welches wir nach bestimmtem Plane nachahmend auf der Ober-fläche der Materie hervorzubringen verstehen, indem wir etwa ein Holz schälend und schnitzend das Bild eines Pferdes zu Stande bringen: wie viel grösser müssen wir uns die Vernunft desjenigen Künstlers vor-stellen, der aus dem Innern der samenartigen Materie heraus das Knochengerüste aufbaut, die Knorpel spannt, die Röhrchen der Adern aushöhlt, die Poren mit Luft füllt, das Gewebe der Fasern, die Verzweigung der Nerven herstellt und mit so be-wundernswürdiger Meisterschaft das Ganze ordnet? Ein wie viel grösserer Künstler, sage ich, ist der, welcher nicht an einen einzelnen Theil der Materie gebunden ist, sondern fortwährend alles in allem wirkt?

Bruno, G. (1584). Von der Ursache,
dem Prinzip und dem Einen. Chicago, Musaicum Books – 2017. (pp. 38-39).

Bruno, 1584

Immanenz

Es giebt drei Arten der Vernunft: die göttliche Vernunft, welche alles ist; die eben besprochene Vernunft der Welt, welche alles macht; die Vernunft der einzelnen Dinge, welche alles wird. Denn zwischen den Extremen muss es dieses Mittlere geben, welches aller Dinge in der Natur wahre bewirkende Ursache und nicht bloss äusserliche, sondern auch innerliche Ursache ist.

Bruno, G. (1584). Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen. Chicago, Musaicum Books – 2017. (p. 39).

Bruno, 1584

Immanenz

Und wir sagen, daß unendlich viele Erden sind und unendlich viele Sonnen, unendlicher Äther, oder daß – wie Demokrit und Epikur sagen – unendliches Erfülltes und Leeres ist, das eine dem anderen innewohnend. Und es sind verschiedene endliche Arten, die einen in den anderen enthalten und die einen den anderen zugeordnet.

Und diese verschiedenen Arten ver-halten sich als Zusammenwirkende bei der Bildung eines ganzen unend-lichen Universums oder auch wie un-endlich viele Teile des Unendlichen, insofern als aus unendlich vielen Erden gleich dieser eine unendliche Erde wirklich wird, nich als in einem einzigen kontinuierlichen Ganzen, sondern in der unzählbaren Menge dieser Erden. 

Bruno, G. (1584). Über das Unendliche, das Universum und die Welten. Ditzingen, Reclam – 1994.
(Zweiter Dialog, Philotheo, S. 73)

Bruno, 1584

Produktive Vielheit

Was ist jenseits derselben? Antwortet man mit, da sei nichts, dann sage ich, dies sei das Leere und das Nichts und zwar ein Leeres und ein Nichts derart, daß es keine Seinsweise hat, noch eine jenseitige Grenze, diesseits jedoch begrenzt ist. Und das ist schwerer vorzustellen als zu denken, daß das Universum unendlich und unermeßlich ist. Denn wir können dem Leeren nicht entkommen, wenn wir das Universum endlich annehmen wollen. 

Bruno, G. (1584). Über das Unendliche, das Universum und die Welten. Ditzingen, Reclam – 1994.
(Erster Dialog, Philotheo, S. 37)

Bruno, 1584

Unendlichkeit