Dynamis und Energeia
Aristoteles unterscheidet zwischen dynamis (Möglichkeit, Vermögen) und energeia (Wirklichkeit, Vollzug). Dynamis bezeichnet das Potenzial eines Seienden, etwas zu werden oder zu tun, ohne dass dies bereits verwirklicht ist. Energeia meint nicht bloß ein Endresultat, sondern den aktuellen Vollzug selbst – das Tätigsein, in dem eine Möglichkeit real wird. Wirklichkeit ist für Aristoteles daher kein statischer Zustand, sondern ein prozessualer Übergang von Möglichkeit zu Aktualität. Entscheidend ist: Die Vollzugsform besitzt ontologischen Vorrang gegenüber bloßer Möglichkeit. Sein zeigt sich primär im Geschehen, nicht im bloßen Haben von Anlagen. Damit denkt Aristoteles Wirklichkeit als dynamisch, zeitlich und aktiv, nicht als fertige Substanz.
Praxis
Praxis bezeichnet bei Aristoteles eine Form des Handelns, deren Sinn im Vollzug selbst liegt. Sie ist strikt von poiesis (Herstellung) unterschieden, bei der das Ziel außerhalb der Handlung liegt. Praxis ist nicht Mittel zu einem Produkt, sondern eine sich selbst erfüllende Tätigkeit, etwa politisches Handeln oder ethisches Entscheiden. Ihr Maßstab ist nicht Effizienz, sondern Gelungenheit im konkreten Kontext. Praxis ist stets situationsabhängig, zeitlich eingebettet und erfordert Urteilskraft (phronesis). Sie kann nicht durch allgemeine Regeln vollständig bestimmt werden. Damit ist Praxis eine offene, lernfähige Handlungsform, die Erfahrung, Sensibilität und Anpassung verlangt. Aristoteles versteht menschliches Leben wesentlich als praktisches Leben – nicht als bloße Anwendung von Regeln, sondern als fortwährenden Vollzug verantwortlicher Handlung.
Mesotes (die Mitte)
Mesotes bezeichnet Aristoteles’ Verständnis von Tugend als angemessene Mitte zwischen Extremen. Diese Mitte ist kein mathematischer Durchschnitt, sondern eine situativ bestimmte Balance, die sich am konkreten Handlungszusammenhang orientiert. Tugend liegt weder im Zuviel noch im Zuwenig, sondern im stimmigen Maß. Entscheidend ist: Die Mitte ist nicht allgemein fixierbar, sondern relativ zur Person, Situation und Zeit. Sie muss durch Übung, Erfahrung und Urteilskraft erlernt werden. Ethik ist daher keine Regelanwendung, sondern eine praktische Kunst des Ausbalancierens. Moralisches Handeln entsteht im Spannungsfeld widersprüchlicher Anforderungen. Aristoteles’ Ethik ist damit dynamisch, kontextsensibel und prozesshaft – nicht normativ-starr, sondern an der konkreten Lebenspraxis orientiert.
Aristoteles (–350 B.C.E). Metaphysik – Bücher VII-XIV, Meiner – 2009.
Aristoteles (–350 B.C.E). Gesammelte Werke, Kindle.
Aristoteles (–350 B.C.E.). Physik. Hamburg, Meiner.
Aristoteles (–350 B.C.E.). Philosophische Schriften. Band 3: Nikomachische Ethik
(Philosophische Bibliothek 723). Hamburg, Meiner.
Bordt, M. (2006). Aristoteles´Metaphysik XII – Werkinterpretationen. Darmstadt, WBG.
Also wird offenbar das dem Vermögen nach (der Möglichkeit nach) Seiende, wenn es in die Wirklichkeit überführt ist, gefunden. Die Ursache liegt darin, daß die Wirklichkeit Denken ist. Also geht die Möglichkeit aus der Wirklichkeit (Tätigkeit) hervor, und deshalb kommt man tätig zur Erkenntnis; denn später der Entstehung nach ist nur die der Zahl nach identische wirkliche Tätigkeit (Wirklichkeit).
Aristoteles (-350 B.C.E.). Metaphysik. Zweiter Halbband: Bücher VII (Z) – XIV (N). Zweisprachige Ausgabe (Philosophische Bibliothek 308) (German Edition) (p. 133).
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Aristoteles versteht Wirklichkeit nicht als bloßen Zustand, sondern als tätigen Vollzug. Möglichkeit ist real, aber sie gewinnt Gestalt erst im Handeln. Erkenntnis entsteht nicht vor dem Tun, sondern durch das Tätigsein selbst.
Mit „Tätigkeit“ (energeia) meint Aristoteles keinen bloß menschlichen Akt, sondern eine ontologische Vollzugsform. Tätigkeit bezeichnet das Im-Werk-Sein eines Seienden, unabhängig davon, ob es sich um ein Lebewesen oder einen natürlichen Prozess handelt. Wirklichkeit ist daher kein statischer Zustand, sondern das gegenwärtige Sich-Verwirklichen dessen, was sein kann.
Das Denken für sich allein aber bewegt nichts, sondern nur das auf einen bestimmten Zweck gerichtete, praktische Denken. Von ihm hängt auch das hervorbringende Denken ab. Denn jeder Hervorbringende bringt sein Erzeugnis für einen bestimmten Zweck hervor, und was er hervorbringt, ist nicht schlechthin Zweck, sondern nur mit Bezug auf ein anderes und für ein anderes.
Aristoteles (–350 B.C.E.). Philosophische Schriften. Band 3: Nikomachische Ethik (Philosophische Bibliothek 723). Hamburg, Meiner.
(p. 156)
Demnach ist auch der mit Vernunft verbundene Habitus des Handelns von dem mit Vernunft verbundenen Habitus des Hervorbringens verschieden, weshalb auch keiner in dem andern enthalten ist. Denn das Handeln ist sowenig ein Hervorbringen als das Hervorbringen ein Handeln.
Aristoteles (–350 B.C.E.). Philosophische Schriften. Band 3: Nikomachische Ethik (Philosophische Bibliothek 723). Hamburg, Meiner.
(p. 158)
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Aristoteles trennt Praxis und Herstellung strikt: Handeln ist kein Mittel zur Produktion, sondern eine Tätigkeit, deren Sinn im gelungenen Vollzug selbst liegt.
Das Hervorbringen hat nämlich einen anderen Zweck als die Tätigkeit selbst, das Handeln dagegen nicht, da hier das gute Handeln selbst oder auch das gute Befinden den Zweck ausmacht.
Aristoteles (–350 B.C.E.). Philosophische Schriften. Band 3: Nikomachische Ethik (Philosophische Bibliothek 723). Hamburg, Meiner.
(p. 160)
Es ist mithin die Tugend ein Habitus des Wählens, der die nach uns bemessene Mitte hält und durch die Vernunft bestimmt wird, und zwar so, wie ein kluger Mann ihn zu bestimmen pflegt. Die Mitte ist die zwischen einem doppelten fehlerhaften Habitus, dem Fehler des Übermaßes und des Mangels; sie ist aber auch noch insofern Mitte, als sie in den Affekten und Handlungen das Mittlere findet und wählt, während die Fehler in dieser Beziehung darin bestehen, daß das rechte Maß nicht erreicht oder überschritten wird.
Aristoteles (–350 B.C.E.). Philosophische Schriften. Band 3: Nikomachische Ethik (Philosophische Bibliothek 723). Hamburg, Meiner. (p. 48).
Darum muß, da die sittliche Tugend ein Habitus der Willenswahl und die Willenswahl ein überlegtes Begehren ist, der Ausspruch der Vernunft wahr und das Begehren des Willens recht sein, wenn die getroffene Wahl der Sittlichkeit entsprechen soll, und es muß eines und dasselbe von der Vernunft bejaht und von dem Willen erstrebt werden.
Aristoteles (–350 B.C.E.). Philosophische Schriften. Band 3: Nikomachische Ethik (Philosophische Bibliothek 723). Hamburg, Meiner. (p. 156).
